Vor ein oder zwei Jahren war das Thema «Entenflöhe» sehr präsent in der hausärztlichen Praxis. Ich weiss auch nicht, woran es lag, aber es meldeten sich viele Menschen mit Juckreiz nach dem Badeplausch — teils mit «Püggeln», teils mit Hautrötungen. In den Medien las man von den Entenflöhen, die sich an den Ufern von Seen und Weihern nicht auf die Enten, sondern auf die Menschen stürzten.
Die Symptome waren meist relativ einfach zu behandeln, die «Krankheit» nach einigen Tagen überstanden. Die Flöhe — eigentlich gar keine Flöhe, sondern wurmartige Parasiten — sterben in der Haut des Menschen rasch ab; sie hatten sich geirrt und den falschen Wirt befallen. Im Gegensatz zur verwandten Bilharziose-Krankheit wurden in der Schweiz keine chronischen Verläufe bekannt.
Bei den Taucherflöhen ist es ähnlich — und doch ganz anders: Es juckt aus vollständig anderen Gründen.
Stickstoffblasen oder mehr?
In den letzten Monaten wurde ich mehrmals von Tauchenden angesprochen, die im Anschluss an Tauchgänge teils heftigen Juckreiz oder Hautveränderungen erlebt hatten. Selbstverständlich hatte niemand von ihnen den Eindruck, Träger von Entenflöhen geworden zu sein. In der noch kälteren Umgebung räkeln wir uns ja nicht am Ufer.
Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wann ich den Begriff der Taucherflöhe zum ersten Mal hörte. Wenn ich in meinem Umfeld herumhöre, scheint er den meisten bekannt zu sein. Es steckt kein Juckreiz durch einen nicht ideal belüfteten Trockenanzug (Anzugsqueeze) dahinter. Stickstoffblasen sind es, die sich in der fetthaltigen Unterhautschicht ansammeln, die Hautnerven reizen oder kleine Blutgefässe verstopfen — und so Juckreiz oder Hautrötungen auslösen. Klingt logisch. Vergeht nach einigen Stunden oder mit etwas Sauerstoff. Nicht der Rede wert, gehört fast zur Tauchkarriere.
Oder etwa nicht?
Cutis marmorata — die marmorierte Haut
Im Zeitalter der Handy-Kameras werden mir die Hautveränderungen oft fotografiert vorgelegt: rötlich-blaue Flecken und Muster, die im weitesten Sinn an die Muster von Marmorplatten erinnern. Zum Glück, denn nach einigen Stunden sind sie wieder verschwunden. In der Fachsprache heisst dieses Muster Cutis marmorata.
Bis vor kurzer Zeit war man der Ansicht, es handle sich dabei um eine sogenannte «Haut-Dekokrankheit» (DCS Typ I, Hautbefall). Bei einigen Tauchenden mit Cutis marmorata führten verschiedene Umstände tatsächlich zu einer übermässigen Stickstoffbelastung. Bei anderen — die alles richtig machten — musste man einen Übertritt der Stickstoffblasen in den arteriellen Teil des Gefässsystems annehmen.
Warum die Theorie nicht passte
In den letzten Jahren wurde diese Idee kritisch hinterfragt. Weshalb sollten Stickstoffblasen die Venen in der Haut verstopfen, wenn die zum Herzen zurückführenden Venen ja immer grösser werden? Man musste annehmen, dass Blasen durch unbekannte «Kurzschlüsse» vom venösen in den arteriellen Kreislaufteil übertreten — denn auch in Fallberichten von arteriellen Gasembolien wurde Cutis marmorata beschrieben.
Hier kommen die Schweine ins Spiel
Eine Forschergruppe in den Niederlanden führte Experimente zur «Gasembolie im Gehirn» durch. Narkotisierten Schweinen wurde eine definierte Menge Luft in die Hirnarterien eingespritzt. Innerhalb von Minuten zeigten sich an der Haut typische Cutis-marmorata-Veränderungen.
Die Forscher hätten das einfach erklären können: Gas in den Hirnarterien wird irgendwie weitergeschwemmt, kommt irgendwie ins rechte Herz, dann in die Lungen, irgendwie nicht in den Lungenbläschen ausgetauscht, gerät irgendwie in die Arterien, irgendwie in die Haut. Für Forschende sind das zu viele «irgendwie».
Komplett gegen einen solchen Vorgang spricht: Die mikroskopisch untersuchten Hautareale zeigten keine Bläschen oder ihre Spuren — aber deutliche Zeichen aktiver Entzündungsvorgänge. Man vermutet deshalb, dass diese Entzündungen durch Prozesse am Gehirn verursacht und gesteuert sind, wo der ursprüngliche Schaden gesetzt wurde. Dafür spricht auch der zeitliche Ablauf: Cutis marmorata zeigt sich innerhalb von Minuten nach den Injektionen — so schnell sind keine Bläschen vor Ort.
Ein Phänomen auch ausserhalb der Tauchwelt
Cutis marmorata hat auch ausserhalb des Tauchens Bewandtnis. Unter den Begriffen Livedo reticularis und Livedo racemosa werden ähnliche Hautveränderungen beschrieben:
- Livedo reticularis — Kaltwasserschwimmenden vielleicht als violett-bläuliche, netzartige Hautveränderung bekannt, die mit der Wassertemperatur zu tun hat.
- Livedo racemosa — sieht etwas anders aus und tritt häufig im Vorfeld von Hirnschlägen auf.
In beiden Situationen sind die Mechanismen noch nicht vollständig geklärt; das Gehirn könnte aber durchaus eine entscheidende, signalvermittelnde Rolle spielen. Die Akten über die Taucherflöhe und die Cutis marmorata sind noch nicht geschlossen.
Was bedeutet das für uns Tauchende?
Wir müssen vom Gedanken der harmlosen Haut-Dekokrankheit eventuell Abstand nehmen und uns damit auseinandersetzen, dass es sich um eine Bläschenkrankheit des Hirns handeln könnte.
- Abwarten ist kein gutes Vorgehen. Besser: normobare Sauerstoffatmung, wenn nötig auf einer Notfallstation. Tauchmedizinische Hotline beiziehen — dort weiss man die richtige Sauerstoffflussrate (idealerweise 15 l/min, in Notfallstationen oft zu sparsam dosiert).
- Nach Verschwinden der Symptome ist nicht alles erledigt. Nicht nur die Haut muss ok sein, sondern auch das Gehirn.
- Zeitweises Tauchverbot ausgesprochen lassen, bis geklärt ist, ob die Stickstoffbläschen im Hirn entstanden oder durch einen Gefässkurzschluss dorthin geschwemmt wurden.
Eine Deko-Krankheit zu erleiden bedeutet immer, dass sich zu viel Stickstoff im Körper befunden hat, der nicht zeit- und tiefengerecht abgeatmet wurde. Auf der Website der SUHMS gibt es frei downloadbare Hinweise zum sogenannten Low-Bubble-Diving, mit dem die Stickstofflast reduziert werden kann.
Wahrscheinlich am wichtigsten ist es, sich die nötigen Kenntnisse in Kursen anzueignen und regelmässig an den taucherischen Fähigkeiten zu arbeiten.
Übrigens: Am Zürichsee gibt es einen Tauchplatz, der aus guten Gründen im Sommer nicht so häufig betaucht wird. Dort kommt es vor, dass es schon während des Tauchens (vor allem mit Trockenanzug) juckt — ohne dass man gleich an Enten- oder Taucherflöhe denken müsste. Warum? Es gibt sehr viele Ameisen dort. Beim Umziehen verirren sich manchmal einzelne in den Anzug hinein und tauchen mit.
Originalartikel: NEREUS 3-2018. Text: Dr. med. Beat Staub — Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician EDTC. www.suhms.org. Geschichten über Taucherflöhe und Cutis marmorata an staub@praxis-staub.ch
