SBB, SRG, UBS — alle Menschen, die irgendwie mit der Schweiz verbunden sind, kennen diese Akronyme: Wortneubildungen aus den Anfangsbuchstaben von Begriffen, die für den schnellen Sprachgebrauch abgekürzt werden. Wer sie benützt, wird sofort als Kenner identifiziert. Wer nachfragt, hat sich unmittelbar als unwissend geoutet.
IPE, das «immersions pulmonary edema», ist ein solcher Begriff. In den letzten Monaten war er immer wieder in der sport- und tauchmedizinischen Literatur zu sehen. Damit bezeichnet man ein Lungenödem, das entsteht, wenn man ins Wasser eintaucht — und das findet bekanntlich beim Schwimmen, Schnorcheln und Tauchen statt.
Anatomie kurz
Bevor wir in die Feinheiten eintauchen, gehen wir zuerst zum Lungenödem allgemein. Die Lungen befinden sich in der linken und rechten Seite des Brustkorbes — wie ein Halbkegel vom Brustfell und den Rippen umschlossen, nach unten zum Bauchraum durchs Zwerchfell abgegrenzt. In der Lunge tritt der Sauerstoff aus der eingeatmeten Luft ins Blut über, während Kohlendioxid aus dem Stoffwechsel ins Atemgas zurückgeht.
Die rund 200–300 Millionen Lungenbläschen (Alveolen) vergrössern die Membranfläche auf mehrere hundert Quadratmeter. Die hauchdünnen Membranen sind genial konstruiert: Gewisse Gase können übertreten, Flüssigkeiten nicht. Während des Wegs um die Alveolen findet der Gasaustausch statt; das mit Sauerstoff angereicherte Blut wird vom linken Vorhof / linker Herzkammer in den Körperkreislauf gepumpt.
Uns allen ist klar, dass Flüssigkeiten nichts in der Lunge verloren haben. Der Wasserspritzer beim Wechsel des Lungenautomaten oder das «Verschlucken» führt zum sofortigen, heftigen Hustenreiz.
Was ist ein Lungenödem?
Ödem heisst «Wassersucht». Ein Lungenödem ist also der Zustand des vermehrten Wassergehalts in den Lungen — meist nicht durch Wasserschlucken, sondern durch Störungen der Blutzirkulation, am häufigsten Herzkrankheiten. Lungenödeme führen — unabhängig von der Ursache — zu Atemnot, Husten und (manchmal blutig-schaumigem) Auswurf.
Da Tauchende ärztlich untersucht sind, sollten sie kein Lungenödem erleiden. Leider ist dem nicht so. Das IPE — bei Schwimmenden SIPE (swimming induced pulmonary edema) genannt — kommt auch bei gesunden, sportlichen Menschen vor.
Erstmals beschrieben in den 1980ern
Das IPE wurde in den 80er Jahren erstmals beschrieben: Ein Tauchender erlebt beim Tauchen Atemnot und Hustenreiz, taucht auf, an Land bemerkt er blutig-schaumigen Auswurf. Der bislang gesunde Tauchende sucht das Spital auf, wo im Röntgenbild Wassereinlagerungen erkannt werden. Eine Lungen-Dekokrankheit («chokes») ist sehr unwahrscheinlich. Während die Ärzteschaft sich den Kopf zerbricht, bessert sich der Zustand — entlassen, gesund.
Wie häufig?
Solche Berichte mehrten sich. Betroffen waren Tauchende (Sport-, Berufs- und Militärtauchende), Schwimmende (auch Triathletinnen) und Schnorchelnde. Genaue Zahlen sind schwer zu bekommen — die Häufigkeit wird mit etwas mehr als 1 bis 7 Prozent der Wasseraktivitäten angegeben. Daten meist aus Fragebögen.
Spannende Erkenntnisse:
- Die Wassertemperatur spielt eine wichtige Rolle — je kälter, desto wahrscheinlicher.
- Die Tiefe hat keinen wesentlichen Einfluss (passt: IPE tritt auch bei Schwimmenden auf).
- Die körperliche Belastung ist entscheidend: je intensiver, desto grösser das Risiko.
- Der Einsatz eines Nassanzuges ist mit erhöhtem IPE-Risiko verbunden.
- Betroffen sind Junge wie Ältere, Männer wie Frauen.
- Allen gemeinsam: Der Spuk ist nach rund 48 Stunden wieder vorbei.
Was geschieht da?
So genau wissen es die Experten nicht. Aber sie gehen davon aus, dass der Druck des umgebenden Wassers (auch beim Schwimmen an der Oberfläche) zum vermehrten Rückfluss von Blut aus der Körperperipherie ins Herz führt — und zu erhöhtem Druck in den Lungenkapillaren. Dadurch wird Blutflüssigkeit gestaut, die Gefässe werden undicht, und Wasser tritt in die Alveolen über.
Verstärkt wird das durch die Körperlage: An Land sind wir aufrecht, mit über einem Meter Wassersäule Druckunterschied zwischen Füssen und Brustraum. Diese Differenz entfällt bei flacher Lage im Wasser — der Rückfluss verstärkt sich. Dazu kommen kaltes Wasser, ein zu enger Tauchanzug und kräftige, rasche Atembewegungen unter Belastung.
Was wir daraus lernen können
- Körperliche Fitness pflegen, damit das Herz mit dem vermehrten Flüssigkeitsanfall zurechtkommt.
- Herz- und Lungenkrankheiten ausreichend behandeln lassen.
- Tauchmedizinische Beurteilung einholen, ob der Wassersport in der konkreten Situation geeignet ist.
- Kaltes Wasser ist ein Risikofaktor — Tauchende können Trockenanzug und Heizweste tragen, Schwimmende haben hier weniger Optionen.
- Arbeitslast der Fitness anpassen — lockere Tauchgänge sind weniger riskant.
Besondere Situationen
IPE können auch nur einseitig auftreten — etwa bei Schwimmenden, die seitlich im Wasser liegen. Rebreather-Tauchende mit Gegenlungen auf dem Rücken sind eher gefährdet. Und ein nicht optimal eingestelltes ADV (Automatic Diluent Valve) erhöht das Risiko zusätzlich.
Was tun, wenn IPE auftritt
- Bei Atemnot und Husten: Aktivität abbrechen, festen Boden unter die Füsse.
- Sauerstoff verabreichen wenn möglich.
- Einengenden Anzug entfernen.
- Sitzende Körperposition wenn möglich.
- Bei schweren Symptomen: Hilfe anfordern, kurzer Spitalaufenthalt nötig.
Im Spital: Röntgen oder CT zur Diagnosesicherung; allenfalls kurzzeitig Medikamente, damit der Körper die Flüssigkeit rascher abbaut. Anschliessend prüfen lassen, ob eine körperliche Beeinträchtigung das IPE-Risiko erhöht. Ob jemand nach einem ersten IPE ein erhöhtes Folgerisiko hat, lässt sich aus der Literatur nicht mit Sicherheit sagen.
Wasser ist also nicht nur von aussen ein gefährliches Element (Ertrinken), sondern auch von innen. Mit der ansteigenden Anzahl von Wassersporttreibenden wird man dem IPE vermehrt Aufmerksamkeit schenken.
Und wer es nicht bemerkt hat: Der chemische Ausdruck im Titel bedeutet nichts anderes als H₂O — Wasser also.
Originalartikel: NEREUS 2-2019. Text: Dr. med. Beat Staub — Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician. www.suhms.org

