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Gewöhnungssache... Tauchen, Stickstoff und Akklimatisation

Gewöhnungssache...
Tauchen, Stickstoff und Akklimatisation

01.12.2018

Sollte man die ersten Tauchgänge einer mehrtägigen Safari «sanft» und eher flach angehen und sich im Lauf der Woche steigern? Oder wäre es nicht besser, die heftigeren, stickstoffbelasteteren Tauchgänge gleich zu Beginn zu absolvieren, bevor die Gewebe so richtig gesättigt sind? An die Taucherei gewöhnt man sich ja schnell wieder, auch wenn der letzte Unterwasser-Kontakt schon ein Weilchen her ist.

Angewöhnen, anpassen, wieder vertraut werden mit dem nassen Element — das ist zweifellos richtig. Aber: Können wir uns eigentlich an die Stickstoffbelastung anpassen?

Akklimatisation kennen wir aus dem Alltag

Aus der Alltagserfahrung wissen wir, dass es Anpassung und Akklimatisation fast überall gibt. Im Sport: Trainingsintensität schrittweise steigern, damit Muskeln und Kreislauf sich anpassen können. In der Höhe: dem Körper Zeit zur Anpassung geben. Auch sonst behaupten wir, man könne sich an alles gewöhnen.

Beim Tauchen stellt sich die Frage: Gewöhnt sich der Körper an die veränderten Umgebungsverhältnisse, an den Druck, die erhöhten Partialdrücke, die veränderte Körperposition? Ist das Risiko einer Deko-Krankheit geringer, wenn man häufig taucht? Oder gibt es gar eine negative Anpassung, bei der sich das Deko-Risiko bei wiederholten Tauchgängen erhöht?

Studie 1 — 16 Tauchende, 4 Tage, gleiches Profil

Eine internationale Forschergruppe ging davon aus, dass die Menge zirkulierender Stickstoff-Gasblasen ein geeigneter Messwert für das Deko-Risiko sei. Sie untersuchten 16 Tauchende (alles Männer) — teils Militär-, teils Sport — die an 4 aufeinanderfolgenden Tagen den gleichen Tauchgang durchführten und jeweils mit Ultraschall die Anzahl und Grösse der Gasblasen im Blut messen liessen.

Profil: Salzwasser, direkt von der Oberfläche auf 18 Meter, dort 47 Minuten mit wenig körperlicher Anstrengung, dann langsamer Aufstieg. Nach 15 Minuten erste von sechs Untersuchungen. Tauchprofil bewusst gewählt: kein grosses Deko-Risiko, aber ordentliche Gasblasen erwartet.

Sowohl Anzahl als auch Grösse der gemessenen Gasblasen waren am ersten Tauchtag am grössten. In den anschliessenden Tagen nahmen sie stetig ab.

Die Forscher folgerten: Bei wiederholten Tauchgängen findet tatsächlich eine Akklimatisation statt.

Aber Vorsicht mit der Übertragung

Auf den ersten Blick freut uns das. Aber ob daraus tatsächlich ein geringeres Deko-Risiko abgeleitet werden darf, ist fraglich. Immerhin sind Gasblasen ein Hinweis auf Dekostress — in Anlehnung an einen berühmten Medizinforscher: «Ohne Bubbles keine Dekokrankheit.»

Mit regelmässigem Abtauchen werden wir bestimmt geübter — niemand kam als Tauchende zur Welt. Aber ob wir auch «bubble-resistenter» werden, ist nicht ganz klar. Über welche biochemischen Mechanismen die Anpassung stattfindet, ist noch nicht bekannt: Ändern sich Eiweisse im Blut (Gerinnungsfaktoren, Enzyme, Immunglobuline) chemisch, oder passen sich eher die Blutgefässe selber an?

Und im Gegensatz zur Studie wird auf einer Tauchsafari mehrmals täglich getaucht, mit unterschiedlichen Profilen — sonst wäre es ja langweilig. Aber immerhin: Anpassungsprozesse finden offenbar statt.

Weiter zurück — und ein Zungenbrecher

Auf der Wissenslandkarte der Tauchmedizin gibt es noch viele weisse Flecken. Möglicherweise auch Gebiete, von denen wir nicht einmal wissen, dass sie existieren.

Wer hätte vor zehn Jahren gewusst, was Dipalmitoylphosphatidylcholin (abgekürzt DPPC) mit Tauchen zu tun hat? 1908 veröffentlichten Haldane und sein Team die ersten brauchbaren Tauchtabellen. Im selben Jahr hielten seine Mitarbeiter in einem Fachartikel fest, dass «wirklich dicke Männer» (really fat men) nicht in Überdruckumgebungen arbeiten sollten — Senkkasten-Brückenbau, Tunnelbau, tieferes Tauchen. Für solche Aufgaben sollten Arbeitgeber schlanke (skinny) Männer auswählen, weil offenbar die Menge des Körperfetts das Deko-Risiko beeinflusste.

Allerdings kann jede Tauchmedizinerin ein Lied davon singen, dass es nicht immer die Korpulenten sind, die in der Druckkammer landen.

«Aktive hydrophobe Spots»

Nebst Stickstoffmenge und -bläschen scheinen andere Faktoren in der Entstehung der Dekokrankheit eine Rolle zu spielen: Geschlecht, Alter, körperliche Fitness, Hydrierung, offenes Foramen ovale (PFO). Diese Faktoren sind gut untersucht — doch sie können bislang nicht erklären, weshalb Blasenmenge und -grösse selbst bei vergleichbaren Tauchenden und vergleichbaren Tauchgängen so unterschiedlich sind.

Ein niederländischer Forscher wirft im Editorial einer tauchmedizinischen Fachzeitschrift eine mögliche Antwort auf: die aktiven hydrophoben Spots. Mikroskopisch kleine Fettröpfchen in den Blutgefässen, an denen sich Stickstoffmoleküle zu Bläschen bilden — ähnlich den «Unregelmässigkeiten» im Champagnerglas, die das Perlen erleichtern.

Hauptbestandteil dieser biologischen Spots scheint eben das DPPC zu sein. Woher kommt es? DPPC ist ein wesentlicher Teil des Surfactant — jener Substanz, die unsere Lungenbläschen offenhält und unsere Atmung überhaupt ermöglicht. Bei Frühgeborenen ist es noch nicht vorhanden — sie ersticken deswegen. Und unter langwirkenden, hohen Sauerstoffpartialdrücken nimmt das Surfactant Schaden — den technischen Tauchenden bekannt als Lorraine-Smith-Effekt oder Lungentoxizität.

Bubblers vs. Non-Bubblers

Vor zwei Jahren hielt ein israelischer Forscher an einem Fachkongress einen Vortrag dazu. Noch sind nicht alle Details geklärt, die Erklärungsmodelle stammen aus Tiermodellen. Aber: Tauchende, die viele Stickstoffblasen produzieren (sogenannte Bubblers), nehmen im Vergleich mit Non-Bubblers deutlich mehr Fette mit der Nahrung zu sich und haben schlechtere Blutfettwerte. Die Körperfettmasse ist zwischen beiden Gruppen aber nicht sehr unterschiedlich — die Empfehlung von 1908 trifft also nicht ganz.

Vielleicht, so der israelische Experte, erhöht eine fettreiche Ernährung die Menge und Grösse der aktiven hydrophoben Spots — was zusammen mit dem DPPC zu mehr Stickstoffblasen führt. Vielleicht müsste man bei Tauchenden in Zukunft nicht nur aufs Cholesterin achten, sondern auch aufs DPPC.

Wir wissen es zur Zeit noch nicht so genau. Forschende haben noch viel zu tun. Hochachtung für ihre Ideen und Versuchsanordnungen, mit denen sie die weissen Flecken des Unwissens erkunden.

Trost für daheimgebliebene

Ob mit oder ohne Tauchsafari, auch wenn es viele Wissenslücken gibt: Wir pflegen ein enorm spannendes, beglückendes, faszinierendes Hobby. Ich hoffe, dass die Taucherei zu Anpassungsvorgängen führt — aber nicht zur Gewöhnung und Langeweile.

Genug Trost für alle, die sich in nächster Zeit nicht an warmem, glasklarem, von Leben wimmelndem Wasser erfreuen können — und dennoch das Tauchen in den heimischen Gefilden geniessen.

Originalartikel: NEREUS 6-2018. Text: Dr. med. Beat Staub — Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician EDTC. www.suhms.org

Originalartikel:

NEREUS 6-2018. Text: Dr. med. Beat Staub — Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician EDTC. www.suhms.org

FAQ

Kann sich der Körper an die Stickstoffbelastung beim Tauchen gewöhnen?

Ja, gewisse Studien deuten darauf hin, dass sich der Körper bei wiederholten Tauchgängen an die Belastung anpassen kann. Dabei wurden in den Tagen nach dem ersten Tauchgang weniger Stickstoffblasen im Blut gemessen. Ob dies tatsächlich das Risiko einer Dekompressionskrankheit reduziert, ist jedoch noch nicht abschliessend geklärt.

Sollte man bei einer Tauchsafari mit den tiefsten Tauchgängen beginnen?

Nicht unbedingt. Auch wenn gewisse Anpassungsprozesse möglich sind, gibt es derzeit keine wissenschaftlich gesicherte Empfehlung, besonders tiefe oder belastende Tauchgänge bewusst an den Anfang einer Tauchsafari zu legen. Eine konservative Tauchplanung bleibt die sicherste Strategie.

Welche Rolle spielt die Ernährung für die Dekompressionssicherheit?

Aktuelle Forschungsansätze vermuten, dass eine fettreiche Ernährung die Bildung von Stickstoffblasen beeinflussen könnte. Die Zusammenhänge werden noch untersucht. Sicher ist jedoch, dass eine ausgewogene Ernährung und ein gesunder Lebensstil generell zu einer besseren körperlichen Leistungsfähigkeit beim Tauchen beitragen.

Was sind «Bubblers» und «Non-Bubblers»?

Als «Bubblers» bezeichnet man Tauchende, bei denen nach dem Tauchen besonders viele Stickstoffblasen im Blut nachgewiesen werden können. «Non-Bubblers» produzieren deutlich weniger solcher Blasen. Weshalb Menschen unterschiedlich stark zur Blasenbildung neigen, ist noch nicht vollständig verstanden.

Bedeutet mehr Taucherfahrung automatisch ein geringeres Deko-Risiko?

Nein. Erfahrung verbessert zwar Fertigkeiten, Tauchdisziplin und Entscheidungsfähigkeit unter Wasser. Sie schützt jedoch nicht automatisch vor einer Dekompressionskrankheit. Auch sehr erfahrene Taucherinnen und Taucher sollten konservative Tauchprofile wählen und die bekannten Sicherheitsregeln einhalten.

Weshalb beschäftigt sich die Tauchmedizin mit Stoffen wie DPPC?

DPPC ist ein wichtiger Bestandteil des Surfactants in der Lunge. Forschende vermuten, dass dieses Molekül bei der Bildung von Stickstoffblasen eine Rolle spielen könnte. Die Forschung dazu steht noch am Anfang, könnte aber künftig helfen, die Entstehung von Dekompressionskrankheiten besser zu verstehen.

Auszug aus NEREUS 6-2018

Seite 11
Gewoehnungssache 0209.2 KBPDF