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Tauchtauglichkeitsuntersuchung: eine sinnvolle Sicherheitsmassnahme

Tauchtauglichkeitsuntersuchung:
eine sinnvolle Sicherheitsmassnahme

01.06.2017

Die Szene wiederholt sich immer wieder: Kurz vor der Abreise in die Tauchferien wird man aus der Vorfreude herausgerissen, weil man ein gültiges Tauchtauglichkeitsattest mitnehmen soll. Nach kurzem Suchen und Durchblättern des Logbuches kommt der Schreck: Das vorhandene Papier ist uralt — ein Doktor-Termin muss also her.

Tatsächlich melden sich Tauchende für eine Beurteilung der Tauchtauglichkeit oft recht kurzfristig. Meist findet sich noch irgendwie ein Terminfenster — niemand will den verdienten Tauchurlaub vermiesen. Die stirnrunzelnde Praxisassistentin (sie muss eine der raren Notfall-Lücken hergeben) weiss es mittlerweile: Tauchende sind eben so.

Eine überflüssige Sache?

Für viele ist der Arzttermin zur Beurteilung der Tauchtauglichkeit ein Muss, eine lästige Auflage. Schliesslich bin ich ja fit, oder? Und ich war ja erst letzte Woche im Wasser und hatte keine Probleme. Also, was soll das?

Manchmal werde ich aufgefordert, einfach Stempel und Unterschrift aufs Formular zu setzen. Es sei ja alles in Ordnung. Und überhaupt: Wenn es «Probleme» gebe, bekomme man das Attest am Ferienort im Hinterzimmer ja auch ganz einfach und unbürokratisch.

Eine Plage für die Tauchenden? Geldmacherei vielleicht sogar? Ein Abschieben von Verantwortung — wo doch jede und jeder selber für den eigenen Körper verantwortlich ist?

Stickybeak — die Daten, die alles veränderten

Selbst wenn die Verpflichtung zum Tauchtauglichkeitsattest nicht wäre, könnte ich mich als Tauchmediziner nicht zurücklehnen. Seit der Publikation der Daten des Stickybeak-Projekts in den Neunzigerjahren kann man nicht mehr verdrängen, dass die medizinische Tauchtauglichkeit ein Thema sein muss.

Stickybeak war eine Datensammlung aus Australien und Neuseeland: Die Umstände von 100 tödlichen Tauchunfällen wurden erfasst, untersucht und analysiert. Die Autoren — zwei ausserordentlich erfahrene Tauchmediziner — teilten die Unfälle nach ihrer Ursache in vier Gruppen ein: medizinische Gründe, Verhalten, Ausrüstung und Umgebungseinflüsse.

Eine bekannte Erkenntnis: Die meisten der verunglückten Tauchenden trugen ihr Gewichtssystem an der Oberfläche noch bei sich, und ihre Jackets waren häufig nicht luftgefüllt.

Das medizinische Bild

Mindestens 43 % der Todesfälle waren auf ein medizinisches Problem zurückzuführen. Das kann man zur Kenntnis nehmen und «Pech gehabt» sagen.

Aber bei mindestens einem Viertel dieser 43 % hätte man aufgrund eines seriösen ärztlichen Untersuchs wissen können, dass sie gar nicht erst tauchtauglich gewesen waren. Diese Todesfälle wären vermeidbar gewesen.

Bei der Hälfte dieser Verunglückten war übrigens keine Untersuchung durchgeführt worden — bei der anderen Hälfte darf deren Seriosität bezweifelt werden. Am häufigsten wurden Herz- oder Lungenprobleme festgestellt. Ich nehme an, dass jeder verstorbene Tauchende sich selber als fit und tauchtauglich eingeschätzt hatte.

Tauchtauglichkeit ≠ Tauchfähigkeit

Auf dem SUHMS-Zeugnisformular steht ein Satz, den viele überlesen: «Aufgrund der Untersuchung liegen keine Hinweise für Leiden vor, die eine absolute Kontraindikation darstellen.» Aufgabe des Arztes ist es, Umstände und Leiden herauszufiltern, die mit dem Tauchen auf gar keinen Fall vereinbar wären.

Persönlich unterscheide ich:

  • Tauchtauglichkeit — die grundsätzliche Tauglichkeit, durch den Arzt zu beurteilen.
  • Tauchfähigkeit — die momentane Tagesform, in der Verantwortung der tauchenden Person.

Wer mit einem Pfnüsel Probleme beim Druckausgleich hat, ist also nicht tauchuntauglich, sondern an diesem Tag nicht tauchfähig.

Hellseher? Nein.

Selbst als tauchmedizinisch versierter Arzt bin ich immer nur Arzt und nicht Hellseher.

Auch die beste ärztliche Untersuchung kann keine Garantie geben, dass bei einem Tauchgang keine medizinischen Probleme auftreten. Aber sie reduziert das Risiko erheblich — und sie schützt nicht nur die tauchende Person selbst, sondern auch den Buddy. Niemand würde mit einem Buddy ins Wasser steigen, dessen Ausrüstung in üblem Zustand ist. Ein Tauchzwischenfall ist auch für den Buddy immer ein Zwischenfall mit Gefahren.

Tauchen ist eben nicht «easy»

Tauchen sei Fun, sei easy — das hört man überall. Aber im Unterschied zu anderen Outdoor-Aktivitäten bewegen wir uns in einer dichten, nicht atembaren Umgebung mit Strömungen, Wellen und Gezeiten — wo bereits geringe Tiefenveränderungen zu erheblichen Druckveränderungen führen. Anders gesagt: Wir Menschen sind keine Wasserlebewesen und sind grundsätzlich nicht fit fürs Tauchen. Deshalb müssen wir die natürlichen Gegebenheiten mit raffinierter Technik überlisten.

Es lohnt sich, dass eine erfahrene Medizinerin oder ein erfahrener Mediziner hinschaut. Herz-, Kreislauf- und Lungenkrankheiten sind in der Bevölkerung häufig — bei den Tauchenden entsprechend auch. Und nicht zu vergessen: Auch wir Tauchende werden älter, unsere Körper verändern sich. Nur in unserer Phantasie bleiben wir ein Leben lang jung, gesund und leistungsfähig.

Im Vergleich zu den finanziellen Aufwendungen für Geräte-Revisionen fällt die ärztliche Untersuchung übrigens kaum ins Gewicht. Und meist führen gesundheitliche Probleme nicht zu einer grundsätzlichen Tauchuntauglichkeit, sondern zu relativen Kontraindikationen — eine erfahrene Tauchmedizinerin kann beraten und Empfehlungen machen, damit die Taucherei trotz Einschränkungen sicher und mit Freude weitergeht.

Vielleicht integrieren wir die ärztliche Untersuchung also in unser Taucherleben wie die Geräte-Revision — und denken nächstes Mal sogar rechtzeitig daran, einen Termin zu organisieren.

Originalartikel: NEREUS 3-2017. Text: Dr. med. Beat Staub — Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician EDTC. www.suhms.org

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Infos

Auszug aus NEREUS 3-2017

Text: Dr. med. Beat Staub –
Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician EDTC

Auszug aus NEREUS 3-2017

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