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Deko-Bier oder Schokolade: der Kampf gegen den Stickstoff

Deko-Bier oder Schokolade: der Kampf gegen den Stickstoff

01.02.2017 Schweiz

Ebenfalls bestens bekannt ist das beliebte sogenannte Deko-Bier: Es hat zwar nichts mit der Deko-Krankheit zu tun, ist aber für viele Tauchende nach einem erfreulichen Tauchgang eine schöne Sache und gehört einfach dazu. Aber Schokolade?

Ja, Schokolade soll etwas mit dem Tauchen zu tun haben. Schokolade soll speziell für uns Tauchende gesund sein.

In einem Artikel im Diving and Hyperbaric Medicine — der offiziellen Zeitschrift der europäischen und pazifischen Unterwasser- und Baromedizin-Gesellschaften — wurde eine Forschungsarbeit über den Nutzen von Schokolade beim Tauchen veröffentlicht. Nicht als Scherz, sondern als seriöse Untersuchung.

Was wir Tauchende meistens annehmen

Gemeinhin gehen wir davon aus, dass die Bildung von Stickstoffblasen eine reine Funktion von Zeit, Tiefe und Atemgas sei. Das mathematische Modell lässt sich berechnen — Tabelle, Tauchcomputer, gelernt im Anfängerkurs. Die Herren Haldane und später Bühlmann/Keller haben uns gezeigt, dass es funktioniert. Meistens zumindest.

Wer von uns gibt seinem Tauchcomputer aber Körpergrösse, Gewicht, Umgebungstemperatur, Trainingszustand oder Trinkmenge ein? Diese Variablen bleiben dem Computer verborgen, obschon sie für das Deko-Risiko von erheblicher Bedeutung sind. Der Computer präsentiert uns letztlich nur ein Modell, dem wir mehr oder weniger entsprechen.

So gibt es immer wieder Dekompressionszwischenfälle bei Tauchenden, die gemäss Computer alles richtig gemacht hätten — die «unverdiente Deko-Krankheit». Ein bekannter Tauchmediziner sagte kürzlich treffend: das Problem ist, dass wir beim Tauchen gar nicht so genau wissen, was wir nur zu wissen glauben.

Endothel — die unterschätzte Schicht

Das Risiko einer Deko-Krankheit hängt nicht nur von der Stickstoffmenge im Körper und den Druckveränderungen ab (Stichwort M-Gradient). Es hängt auch davon ab, wie sich der Stickstoff im Blutkreislauf verhält und ob Blasen aus den feinen Blutgefässen in die Körpergewebe übertreten. Es gibt Tauchende, die mehr zur Blasenbildung neigen als andere — und solche mit vielen nachweisbaren Blasen, die trotzdem keine Deko-Krankheit erleiden.

Die Wände der Blutgefässe — Kapillaren — bestehen aus mehreren Schichten. Die innerste Schicht heisst Endothel. Man stelle sich diese Schicht wie aus feinen Plattenzellen auf einer Unterlage festgemacht vor. Anders als ein Plattenbelag in der Küche sind diese Endothelzellen aber lebendig und hochaktiv: Sie regulieren Gefässdurchmesser, Blutdruck, Blutgerinnung und Auflösung von Gerinseln. Ein gewaltiges System: ca. 10¹³ Endothelzellen mit einem Gesamtgewicht von 1,5 kg und einer Gesamtfläche von ca. 6000 m².

Die wichtigste Substanz, die das Endothel freisetzt, ist Stickstoffmonoxid (NO). Im Alltag wird die Bedeutung von NO einigen aus dem Zusammenhang mit Medikamenten zur Behandlung von Erektionsstörungen (z. B. Viagra®) bekannt sein.

Wo die Schokolade ins Spiel kommt

Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass Polyphenole — eine Molekülgruppe, die etwa in Rotwein, Grüntee oder Kakao vorkommt — auf das Endothel-System einwirken.

Die Studienautoren fragten sich also, ob Polyphenole aus Kakao in Form von Schokolade zu messbaren Veränderungen an den Kapillaren führen.

Die Untersuchung wurde mit insgesamt 42 männlichen Sporttauchern durchgeführt — alle erfahrene Nichtraucher. Bei allen wurden mit aufwändigen Methoden Blutgefässe und Blutwerte beurteilt. Dann wurden sie in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine erhielt 90 Minuten vor dem Tauchgang 30 g schwarze Schokolade (86 % Kakao), die andere nichts. Der Tauchgang erfolgte indoor bei gemütlichen Temperaturen mit Pressluft auf 33 m. Nach dem Tauchgang wurden die Messungen wiederholt.

Bei den «unbehandelten» Tauchenden wurde eine verminderte Durchblutung festgestellt; die Bluttests verschlechterten sich. Bei den Schoggi-Tauchenden hingegen wurde nach dem Tauchgang eine bessere Durchblutung gefunden.

Dies und die unveränderten Blutwerte weisen darauf hin, dass die Inhaltsstoffe der Schokolade die Endothel-Funktion verbessern — sie greifen in den Stickstoff-Stoffwechsel ein, reduzieren die Belastung für Herz und Kreislauf und verringern möglicherweise das Risiko für eine Deko-Krankheit.

DAN nahm es ernst

Die Begeisterung griff kurzzeitig sogar auf DAN über: Im DAN-Online-Shop konnte man eine Zeit lang Schokolade kaufen, deren Kakaogehalt der Studie entsprach und deren Portionen den 30 g entsprachen.

Was wir nicht wissen

Die Studie wirft Folgefragen auf:

  • Wäre mehr Schokolade wirksamer? (86 %-Schokolade ist geschmacklich aber kein Genuss.)
  • Funktioniert der Mechanismus auch bei tieferen oder dekopflichtigen Tauchgängen?
  • Wie wirkt es bei anderen Atemgasen (Nitrox, Trimix)?
  • Was passiert in kälterem Wasser?
  • Lassen sich die Erkenntnisse auf Frauen übertragen?

Vorläufig lernen wir aus dieser Untersuchung also nur, dass dunkle Schokolade vor dem Tauchgang möglicherweise nützlich ist — aber kein ausreichender Schutz vor der Belastung von Herz und Kreislauf darstellt. Ein Schutz vor Deko-Krankheit darf bis zum Vorliegen von sicheren Daten nicht daraus abgeleitet werden.

Bei regelmässiger Anwendung des Schokolade-Tricks sind mögliche Auswirkungen auf die Stromlinienform der Tauchenden im Auge zu behalten.

Was bleibt

Die Studie zeigt eindrücklich, dass es bei der Belastung des Kreislaufsystems durch das Tauchen und der Blasenentstehung noch viel zu entdecken gibt — und dass es nicht nur um Physik geht, sondern um sehr komplexe, weitgehend unbekannte biochemische Vorgänge. Computer und ihre Modelle sind eine zwar ausgeklügelte, aber nur plumpe Abbildung eines Teils der Tauchrealität.

Das Deko-Bier nach einem schönen Tauchgang mögen wir uns weiterhin gönnen. Mir sind keine Untersuchungen bekannt, die einen Nutzen der Blöterli und des Schaums auf Stickstoff im Körper belegen — aber es ist angenehm, mit den Tauchpartnern zusammenzusein und das Logbuch auszufüllen.

Noch besser: bereits vor einem Tauchgang genügend trinken (alkoholfrei!) und nicht rauchen. Die Zigi schützt definitiv nicht vor dem Stickstoff.

Übrigens: der Einsatz von Viagra® zur Verhinderung der Deko-Krankheit ist erst sehr unvollständig untersucht. Im Tiermodell vor dem Tauchgang verabreicht erhöhten solche Substanzen das Risiko, nach dem Tauchen eingesetzt scheinen günstige Wirkungen möglich. Bei jeder Medikamenteneinnahme aber: erfahrene Tauchmedizinerinnen oder -mediziner konsultieren.

Deko-Bier oder Schokolade: der Kampf gegen den Stickstoff / Bière de décompression ou chocolat : le combat contre l’azote / Birra post-immersione o cioccolato: la lotta contro l’azoto

Zum Artikel

Originalartikel: NEREUS 1-2017. Text: Dr. med. Beat Staub — Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician EDTC. www.suhms.org

Auszug aus NEREUS 1-2017

Seite 11
Deko bier465.5 KBPDF