Unter der Wasseroberfläche in den Uferzonen flacher Seen, dauer-hafter Teiche und Moore, die reich an Wasserpflanzen sind, lebt die in Europa bis nach Asien vorkommende Wasserspinne. Sie mag auch Bäche mit schwacher Strömung. Das Wasser darf allerdings nicht zu nährstoffreich sein, weshalb ihr Gülle und Pestizide hierzulande zuge-setzt haben. Im seichten Wasser hat sich Argyroneta aquatica, wie ihre wissenschaftliche Bezeichnung lautet, perfekt an den für Spinnen un-gewöhnlichen und an sich lebensfeindlichen Lebensraum angepasst.
Die Wasserspinne benötigt Luft zum Atmen. Die Luft holt sie sich an der Wasseroberfläche, indem sie ihren Hinterleib aus dem Wasser streckt. Mit einer ruckartigen Bewegung taucht die Spinne wieder ins Wasser ab. Nun «klebt» an ihrem Hinterleib eine Luftblase, dank der die Spinne unter Wasser Luft zum Atmen hat. Die Luftblase kommt zustande, weil der Hinterleib dicht behaart ist. Aufgrund der besonderen Haarstruktur entstehen beim schnellen Eintauchen Adhäsionskräfte, welche die Luft an den Hinterleib binden. Da die Luftblase unter Wasser als silbrig glänzende Luftschicht am Körper des Tieres erscheint, wird die Wasser-spinne auch Silberspinne oder Silberschwimmer genannt. Beim Schwimmen muss sie gegen den Auftrieb der Luftblase ankämpfen, weshalb sie sich lieber an Wasserpflanzen entlang hangelt, um Energie zu sparen. Das fällt ihr mit ihren acht Beinen leicht. Falls sie dennoch im freien Wasser unterwegs ist, schwimmt sie meistens auf dem Rücken.
Bei der Versorgung mit Luft geht die Spinne noch weiter. Unter Wasser baut sie zwischen Wasserpflanzen ein Gewölbe aus Spinnfäden. Sobald das Deckennetz fertig ist, holt sie Luft. Zu diesen Zweck steckt sie neben dem Hinterleib auch die Hinterbeine, die mit langen, eng stehen-den Haaren besetzt sind, aus dem Wasser. Wieder taucht sie ruckartig ab, wobei sich zwischen ihren Hinterbeinen eine grosse Luftblase bildet. Diese streift die Spinne unter dem Gewölbe mit ihren Beinen ab, worauf die Luftblase aufsteigt, bis sie von den Spinnfäden zurückgehalten wird. Diesen Vorgang wiederholt die Spinne mehrfach. Dabei verstärkt sie immer wieder das Gewölbe aus Spinnfäden, damit die entstehende Taucherglocke nicht entweichen kann. Das fertige Wohnzimmer der Spinne ist nichts anderes als eine glockenförmige Luftblase. In dieser Kammer verbringt sie viel Zeit. Für die Paarung, für die Eierablage und für die Häutung baut sich die Wasserspinne weitere Luftkammern. Doch wie lange reicht der Sauerstoff?
Früher ging man in der Wissenschaft davon aus, dass die Spinne mehrmals pro Stunde auftauchen und die Kammer mit frischer Luft versorgen muss. Stefan Hetz von der Berliner Humboldt-Universität und Roger Seymour von der University of Adelaide wiesen 2011 nach, dass die Spinne es einen ganzen Tag lang in der Kammer aushält. Da-durch muss sie ihren sicheren Aufenthaltsort weniger oft verlassen als bisher angenommen. Schliesslich steht sie auf dem Speisezettel von Fischen, Amphibien und grösseren Wasserinsekten. Neben ei-nem geringen Stoffwechsel sorgen physikalische Gesetze dafür, dass die Wasserspinne lange unter Wasser aushält.
Luft ist ein Gasgemisch aus Sauerstoff und Stickstoff. Wenn die Spinne atmet, nimmt sie Sauerstoff auf und gibt Stickstoff ab. Das führt einerseits dazu, dass der Teildruck in der Luftblase, der durch den Sauerstoff verursacht wird, kleiner wird. Im Verhältnis dazu ist der Teildruck des Sauerstoffs im umgebenden Wasser grösser, so dass von alleine Sauerstoff in die Luftkammer tritt. Andersrum verhält es sich mit dem Stickstoff. In der Luftblase entsteht ein permanenter Überdruck, so dass dauernd Stickstoff ins Wasser ausströmt. Dadurch verliert die Kammer langsam an Volumen, weshalb die Spinne von Zeit zu Zeit dagegenhält und ihre Kammer mit frische Luft wieder aufbläht.
Sobald ihre Luftkammer eingerichtet ist, macht sich die Wasser-spinne auf die Jagd nach Flohkrebsen und Wasserasseln. Zu diesem Zweck legt sie in der unmittelbaren Umgebung am Boden und an den Pflanzen Signalfäden aus. Stossen Flohkrebse oder Wasserasseln an diese Fäden, hangelt sich die Spinne blitzschnell nach unten und tötet ihr Beutetier mit einem giftigen Biss. Gefressen beziehungsweise ausgesaugt wird der Flohkrebs dann in aller Ruhe in der Luftblase.
Bei der Paarung sucht das beigegelbe Männchen mit einer Sperma-luftblase nach einem Weibchen, das braun gefärbt ist, und betritt schliesslich dessen Wohnzimmer. Entgegen der verbreiteten Mei-nung frisst das Weibchen, das eher untypisch für Spinnen kleiner als das Männchen ist, nach der Paarung seinen Partner nicht auf.
Sie legt eine eigene Taucherglocke für die bis zu 100 Eier an. Während im oberen Teil dieser Kammer in den nächsten Wochen die Jungt iere her-anwachsen, hält das Weib-chen im unteren Teil Wache und holt regelmässig frische Luft. Sobald die Jungtiere nach mehreren Häutungen Haare am Hinterleib aufwei-sen, verlassen sie die Kammer. Für die nächsten rund 18 Monate, so alt werden die k leinen Spinnen, sind sie nun selbstständig unter-wegs.
Text: Roger Sidler
Foto: Stefan K. Hetz
