Tanja Odermatt fährt sanft durchs Fell von Chnuschti, der auf ihrem Schoss schnurrt. «Er und seine Schwester Tapsi sind meine stillen Psychologen», sagt sie über ihre zwei Büsis, die schon oft mitgeholfen haben, ein emotionales Tief zu überwinden. Zum Beispiel wenn sie die Frage quält: Warum musste das passieren? «Ich bin dankbar, noch da zu sein», sagt die 31-Jährige aus Rain LU.
Unter Wasser wartet die Freiheit
«Körperlich und mental hat sich meine Verfassung stabilisiert.» Aber sie will nicht verschweigen, dass es Momente gibt, in denen sie mit ihrer Situation hadert. Drei Viertel ihres Körpers spürt die junge Frau nicht mehr. Ihre Sehnsucht nach Sensibilität ist stärker als der Wunsch, wieder gehen zu können: «Am Meer den feinen Sand zwischen den Zehen wahrnehmen, Gefühl in den Beinen haben . . .».
Plötzlich verliert sie das Bewusstsein
Freitagnachmittag 19. Oktober 2018: Am Abend will sie mit ihrem Freund die erste gemeinsame Wohnung besichtigen. Tanja Odermatt, gelernte Coiffeuse, arbeitet bei der Post in Baar ZG und möchte vor dem Wochenende noch diesen einen Brief zustellen. Erledigt ist erledigt. Auf dem Rückweg mit dem Töffli geschieht, was sie nur aus Erzählungen weiss. Gegen 17.15 Uhr verliert sie plötzlich das Bewusstsein und sackt zusammen. Das Gefährt steuert unkontrolliert auf die Gegenfahrbahn, frontal in ein Auto. Dessen Lenker hatte realisiert, dass mit der Rollerfahrerin etwas nicht stimmt, und sofort gebremst.
Nach dem Zusammenprall schäumt Tanja Odermatt aus dem Mund. Ihr Becken ist zertrümmert, der vierte Rückenwirbel und mehrere Knochen sind gebrochen, Nervenbahnen wurden wie eine Spirale gedreht und gequetscht, Blutgefässe schwer beschädigt. Am Universitätsspital Zürich wird sie notoperiert und in ein künstliches Koma versetzt. Warum sie auf der Strasse ohnmächtig geworden ist, bleibt bis heute ein Rätsel. Vermutlich hatte sie einen epileptischen Anfall.
Auch für die Angehörigen folgen dramatische Stunden. Zwei Polizisten überbringen Rita Odermatt die Nachricht, dass ihre Tochter ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten habe. Das löst Ängste aus. Die zwei stehen sich sehr nahe. Als die Mutter sie spät am Abend regungslos im Spitalbett sieht, macht sie die schlimmsten Momente ihres Lebens durch: «Die Ungewissheit, ob Tanja durchkommt, war furchtbar.» Eine Stütze ist Günther Töngi, der Lebenspartner der Mutter, der die Familie am Unfalltag nach Zürich fährt und jederzeit klaren Kopf bewahrt.


