Da sitze ich gemütlich in einem Schwimmbad im Seeland und beobachte drei nicht mehr ganz junge Männer. Sie geniessen ein Bierchen im Schatten, sind im lebhaften Gespräch — unter anderem über Äusserlichkeiten. Nämlich über ihre Bäuche. Diese sind tatsächlich beachtlich. Die drei Herren scheinen nicht sehr stolz auf die ausladende Pracht zu sein, leiden aber auch nicht allzu sehr darunter. Denn der eine sagt zu den anderen rechtfertigend: «Dieser Bauch ist dann also nicht angeboren, sondern hart erarbeitet.»
Mein Gedankensplitter dazu: Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen ist alles in unserem Leben erarbeitet, erworben oder erlernt.
Die nächste Szene spielt in einem Spital, wo zwei Ärzte über einen Patienten mit schwieriger Diagnose und die nächsten Behandlungsschritte sprechen. Sie scheinen nicht ganz gleicher Meinung zu sein. Mitten im Gespräch zuckt der eine fast bedauernd mit den Schultern und erklärt, dass er das damals beim Herrn Professor xy ganz anders gelernt habe und an seiner Ansicht festhalte. Was wir einmal gelernt haben, daran halten wir fest. Und wenn's noch von einem anerkannten Experten stammt, erst recht.
Die letzte Szene spielt in Montignac, am Ufer der Vézère. Hier im Périgord geniesse ich die ersten Ferientage. Etwas weiter südlich befindet sich das Lot — die Gegend mit den vielen Unterwasserhöhlen. Hier werde ich in einigen Wochen am Tauchen sein. Obwohl ich als Tauchschüler lernte, dass man sich nicht in Höhlen begeben sollte.
Was haben diese Szenen mit dem Tauchen zu tun?
Niemand von uns ist als Gerätetaucher zur Welt gekommen. Was wir taucherisch tun, haben wir im Lauf des Lebens erlernt. Lernen ist ein Prozess, bei dem bereits vorhandene Muster (des Verhaltens, des Denkens, des Fühlens) aufgrund von Erfahrungen oder Einsichten verändert werden.
Irgendwann lernten wir, dass man unter Wasser nicht beliebig lang den Atem anhalten kann. Wasser ist grundsätzlich gefährlich. Dann kam die Neugier — und der Anfängertauchkurs. Wir liessen uns von Experten erklären, wie die Taucherei funktioniert. Ich habe lebhafte Erinnerungen an die ersten Atemzüge unter Wasser: Damit wurden festverankerte Muster im Hirn quasi überschrieben — man kann unter Wasser atmen, wenn man die richtige Ausrüstung dazu hat.
Hätte ich damals diese Bereitschaft für die Erfahrung nicht gehabt, wäre ich nicht Taucher geworden. Dann kamen die nächsten Lernschritte: tiefer als 18 Meter, tiefer als 30, sogar tiefer als 40 Meter. Dekopflichtige Tauchgänge, ohne dass sich die Tore der Hölle öffnen. Wir Tauchende sind also durchaus bereit, Gelerntes weiterzuentwickeln und durch Neues zu ersetzen.
Aber — wir sind etwas träge
Selbstverständlich sind wir stolz auf erlernte Fähigkeiten und verteidigen sie und die dahinterstehenden Experten gegen Neues: Wir sind insofern etwas träge, vielleicht sogar lernfaul. Gewisse Dinge tun wir einfach so, weil wir sie schon immer so getan haben — bewährt, also keine Notwendigkeit für Veränderung. Gelernt ist eben doch gelernt.
Eigentlich ein eigenartiges Verhalten. Einmal im Leben erlernt, legen sich gewisse Tauchende nie mehr in ihrer Karriere Rechenschaft darüber ab, ob das Erlernte wohl noch tauglich und up-to-date sei. Das Tauchen eines Cousteau hat — bei allem Respekt — wohl nichts mehr mit einem Rebreather-Tauchgang mit Mischgas zu tun.
Der Pre-Dive-Check
Erlernt und mehr oder weniger zuverlässig ausgeführt: das Herunterbeten des Checks vor dem Einstieg ins Wasser. Jede Ausbildungsorganisation hat ihr eigenes Sprüchlein. Husch und ab ins Wasser.
Vor Jahren wurde an einer Tauch- und Wassersportmesse den interessierten Tauchenden eine fertigmontierte Tauchausrüstung vorgelegt — anhand ihres Merkspruchs sollten sie diese prüfen. Ein ordentlicher Anteil erkannte nicht alle absichtlichen Fehlmontagen und wäre mit dieser Ausrüstung ins Wasser gestiegen.
In anderen sicherheitsrelevanten Bereichen braucht man nicht Merkverse, sondern schriftliche Checklisten. Wir würden keinem Piloten vertrauen, der den Pre-Flight-Check aus dem Gedächtnis macht. In der Medizin haben Checklisten vor chirurgischen Eingriffen längst Einzug gehalten — eine WHO-Checkliste hat die Patientensicherheit massiv verbessert.
Studie — was Checklisten beim Tauchen bringen
Beim Tauchen «geschehen» immer wieder grössere oder kleinere Missgeschicke. Falsche Bleimenge, zu wenig Luft, Partner verloren — wir alle kennen sie. Laut DAN-Zahlen ungefähr 3 pro 1000 Tauchgänge. Eine Forschergruppe ist der Frage nachgegangen, was dagegen helfen könnte.
An mehreren Tauchplätzen wurde nach dem Zufallsprinzip vor dem Tauchgang entweder eine detaillierte schriftliche Checkliste oder einige allgemeine Hinweise abgegeben. Nach dem Tauchgang wurden die Tauchenden über Zwischenfälle befragt. Die Tauchenden selbst wussten nicht, worauf die Untersuchung eigentlich abzielte.
Im ersten Studienteil zeigte sich:
- Bei jedem 6. bis 10. Tauchgang kam es zu einem kleineren oder grösseren Zwischenfall.
- Lediglich 8 % hatten zuvor eine schriftliche Checkliste benutzt, 71 % einen Merkspruch aus dem Gedächtnis, 21 % weder noch.
- Am wenigsten Zwischenfälle gab es in der schriftlichen-Checklisten-Gruppe.
- Die Häufigkeit von Missgeschicken war bei den Gedächtnis-«Checklisten» praktisch gleich gross wie ohne Check.
Im zweiten Teil mit über tausend Tauchenden zeigte sich: Die Checklisten-Gruppe hatte 32 % weniger Zwischenfälle. Anders gesagt: Auf 25 Tauchgänge konnte ein möglicherweise gefährlicher Zwischenfall verhindert werden.
Was Hänschen nicht lernt — kann Hans jederzeit noch lernen
Über Inhalt und Art einer solchen Checkliste könnten Experten ausdauernd streiten. Über die Anwendbarkeit würden wir Tauchenden uns wohl auch ausführlich unterhalten. Zudem: So haben wir das nicht gelernt, nicht wahr? Und überhaupt, bei mir gab's noch nie einen Zwischenfall.
Um die Sicherheit zu steigern, lohnt es sich, erlerntes Verhalten kritisch zu betrachten — bei allem Respekt vor unseren Experten und unseren eigenen, hoffentlich nur positiven Erfahrungen. Aus der Lernpsychologie weiss man: Man ist zeitlebens lernfähig, wenn man die Bereitschaft dazu hat. Was Hänschen nicht lernt, kann Hans jederzeit noch lernen.
Originalartikel: NEREUS 4-2018. Text: Dr. med. Beat Staub — Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician EDTC. www.suhms.org. Erfahrungen mit Checklisten und Missgeschicken an staub@praxis-staub.ch
