So weit, so gut – aber wie kommt man dann auf die Idee einfach so nach Indonesien auszuwandern? Unsere Blicke schweifen aus dem of-fenen Restaurantbereich über den palmenbestandenen Traumstrand zu einer schneeweissen Sandzunge die sich im türkisen Meer zu einem einsamen Mangrovenbusch schlängelt, während Yvonne aus dem Näh-kästchen plaudert. «Nun ja, so einfach war es gar nicht. An allem Schuld ist natürlich die Liebe», gesteht Yvonne mit einem verschmitz-ten Lächeln. «Als begeisterte und langjährige Hobbytaucherin habe ich bei einem Indonesienurlaub den damaligen Diveguide Alfi kennen und lieben gelernt. Ein paar Jahre Fernbeziehung, aber vor allem dann un-sere Zwangstrennung durch Corona, haben uns aufgezeigt, was wirk-lich wichtig ist im Leben. Ich habe in der Schweiz dann meine Koffer gepackt und die erste Visummöglichkeit im November 2020 genutzt nach Bali zu gehen um endlich mit Alfi fix zusammenzuleben. Als schliesslich im Frühjahr 2022 Indonesien die Grenzen für Touristen wieder geöffnet hat und ich von den Extra Divers die Chance erhalten habe das Management von Virgin Cocoa zu übernehmen, haben wir keine Sekunde gezögert!»
Klingt absolut glaubhaft, wenn man durch das luxuriöse Inselresort schlendert. Gewundene Pfade führen durch einen lichten Palmenwald mit zahllosen blühenden Orchideen. Schaukeln, Sitzbänke und Hängematten laden zum Verweilen ein. Ein formschöner Pool lockt mit einem erfrischenden Bad, die grosszügige Yogaplattform mit etwas Bewe-gung und ein Spa mit Entspannung pur. Und eigentlich hätte Virgin Cocoa auch in erster Linie ein Rückzugsort für Ruhesuchende werden sollen. Doch die Tauchgebiete direkt vor der Haustüre sind einfach zu gut, als dass man nur ab und zu mal ins Wasser springt und sich sonst dem süssen Nichtstun hingibt. So hat es sich ergeben, dass das Eiland mittlerweile doch vorwiegend von Tauchern besucht wird – zuge-geben, von Tauchern die das gehobene Flair und vor allem die her-vorragende Küche zu schätzen wissen. Denn diese liegt Yvonne besonders am Herzen! Nicht ohne Stolz schwärmt sie von ihrer Küchenchefin, die ein wahres Händchen dafür hat, die frischen Z utaten mit konzentrierter Sorgfalt zu verarbeiten um die viel-fältigen Aromen harmonisch aufeinander abzustimmen. Die Ergeb-nisse ihrer Leidenschaft kann man sich wahrlich auf der Zunge zergehen lassen. Keinesfalls verpassen darf man auch die zahlrei-chen Eigenkreationen aus frisch gepressten Obst- und Gemüse-säften – Vorsicht gesund (!) – eine wahre Wohltat für Körper und Seele!
Taucherparadies
Keine Sorge, trotz all der kulinarischen Verführungen und mannig-faltigen Relaxzonen bleibt genügend Zeit hier auch ganz hervor-ragend abzutauchen! Und da kommt Alfi ins Spiel – Tauchbasen leiter, die grosse Liebe und Lebenspartner von Yvonne.
Dem erfahrenen Diveguide liegt Tauchen im Blut und wir können uns keinen besseren Begleiter vorstellen, die hiesige Unterwasserwelt ge-meinsam zu erkunden. «Der Steilwand rechter Schulter in rund 30 Meter folgen und immer wieder einen Blick ins Blauwasser werfen» – so sein kurzes und prägnantes Briefing. Also Rolle rückwärts vom Boot und rein ans Hausriff! Ja richtig, wegen einem durchschnittlichen Ge-zeitenunterschied von nahezu 3 Meter und alleine schon dadurch re-gelmässigen Strömungen wird hier selbst direkt vor dem Steg immer vom Boot aus getaucht. Uns solls recht sein und bequemer ists ohne-hin. Bevor es jedoch runter an den Steilhang geht, überrascht uns Alfi auf gerade mal 7 Meter mit einem Block voller Glasfische und zwei juvenilen Fledermaus fischen – das fängt ja schon mal gut an! Von leichter Strömung sanft angeschoben gehts bei gut und gerne 20 Meter Sicht entlang einem Steilhang weiter. Vorbei an riesigen Schwämmen, ausladenden Weichkorallen sowie an ein oder anderen imposanten Tischkorallen folgen wir Alfi in die Tiefe. In rund 35 Meter geht der Korallenhang abrupt in ein breites Sand plateau über, dessen Abbruchkante in unerreichbare Tiefen gerade noch am Horizont zu er-ahnen ist. Wie die Adler schweben wir hoch über der Sandstufe, weit rechts den Steilhang im Blick, weit links das Blauwasser. Schwärme von metallisch schimmernden Füsilieren huschen an uns vorüber, gefolgt von einzelnen Stachelmakrelen und weiter draussen kommt uns ein Adlerrochen mit elegantem Flügelschlag entgegen. Doch keine Zeit zum Hinterherblicken, Alfi deutet aufgeregt schräg vor uns nach unten. Gleich drei riesengrosse Federschwanz-Stechrochen stapeln sich über-einander, wie überdimensionale Pfannkuchen am Sandgrund! Kamera nachjustieren, vorsichtig absinken lassen und möglichst geräuscharm nähern. Die letzten paar Meter noch die Luft anhalten und warten bis das Motiv im Sucher fast formatfüllend erscheint. Dann geht alles blitz-schnell. Der zuoberst liegende Knorpelfisch sucht unvermutet schleu-nigst das Weite, aber die übrigen zwei verharren überlappt liegend knapp unter mir und lassen sich nicht stören – was für ein tolles Motiv!
Kräftig durchatmen und weiter. Nach einem nicht minder kleineren, aber wesentlich scheueren Leoparden-Stechrochen, wenige Minuten später, folgen wir Alfi zum Riff zurück wo uns hinter einem kleinen Felsvorsprung das Glück erneut mehr als hold ist. Da liegt doch glatt ein dunkel getupfter Ammenhai im Strömungsschatten! Die tatsächlich zur Ordnung der Ammenhaiartigen gehörenden Tiere weisen im J ugendstadium eine schwarzgelb gestreifte Zeichnung auf und er-innern eher an ein Zebra als an einen getupften Leoparden im Erwachsenenleben. Deswegen streitet sich auch die deutschsprachige Tau-cherwelt ob er korrekt Zebra- oder Leopardenhai genannt wird. Noch mehr Verwirrung stiftet die wissenschaftliche Artbezeichnung «tigrinum» – also «Tiger». Egal, das deutlich über zwei Meter lange Prachtexemplar ist so oder so ein tolles Fotomotiv!
Trotz Nitrox am Rücken wird es höchste Zeit für uns, die obere Hälfte des Steilhanges unter die Lupe zu nehmen. Und zwar fast wörtlich, denn der Fokus auf den absoluten Nahbereich beschert uns noch eine Fülle an bunten Schnecken, bizarren Garnelen und als Highlight einen wunderschön pink-violett gefärbten Schwamm-Springkrebs, der sich normalerweise gerne in den hintersten Winkeln von tief eingefalteten Tonnenschwämmen versteckt.
Mehr als zufrieden kehren wir zum Boot zurück und planen mit Alfi gleich die nächsten Tauchtage.
Abwechslung pur
Das Tauchgebiet hier hat jedoch weit mehr zu bieten als nur das kilo-meterlange Hausriff. Im Umkreis von einer guten Bootsstunde befindet sich nicht nur das unbewohnte Nachbaratoll, sondern auch eine ganze Reihe von Inseln mit bunt bewachsenen Steilwänden, unberührten Korallenriffen, Strömungstauchgängen und jeder Menge Fisch! Ein ein-zigartiger Brackwassersee zum Schnorcheln inmitten von Unmengen an nicht nesselnden Quallen ist ebenso ein echtes Highlight wie der Besuch von riesigen Barrakudaschwärmen oder die Suche nach Haien und Mantarochen. Natürlich kommen auch Makrofans voll auf ihre Kosten – denn an knallbunten Nacktschnecken, bestens getarnten Garnelen, seltenen Krabben, faszinierenden Plattwürmern und Co fehlt es hier nirgends. Die Tage vergehen wie im Fluge. Wir geniessen jeden Augenblick und können Yvonne und Alfi absolut verstehen, dass sie hier ihr Paradies gefunden haben.