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Berauschend... Tiefenrausch und was wir dagegen tun

Berauschend...
Tiefenrausch und was wir dagegen tun

01.10.2018

Die meisten von uns kennen berauschende Ereignisse oder Situationen. Alkohol oder andere Substanzen waren mehr oder weniger gewollt im Einsatz und haben ihre Wirkung entfaltet. Der Rausch findet im Hirn statt — je nach Ausmass und Situation für die Betroffenen oder die Umgebung manchmal eher lustig oder bemühend. Auch den Liebesrausch haben hoffentlich schon viele erlebt, wenn alles rosa und schmetterlingerfüllt scheint.

Uns Tauchende beschäftigt aber wohl eher der Tiefenrausch.

Aus dem Buddy-Team

Vor kurzem erlebte ich in meinem Buddy-Team wieder einmal einen Tiefenrausch. Trotz ausführlichem Briefing verhielt sich einer der Pressluft atmenden Tauchenden in einer Tiefe von etwa 30 Metern plötzlich unkoordiniert und hielt sich nicht mehr an den Tauchplan. Sein unmittelbarer Buddy realisierte erst mit etwas Verspätung, worum es ging. Als ihm die Situation klar geworden war, konnte er problemlos einen Aufstieg einleiten, und schon nach wenigen Metern war alles wieder in Ordnung.

Einzig der betroffene Tauchende machte sich Vorwürfe — nicht zuletzt, weil er sich an gar nichts mehr so recht erinnern konnte. So etwas sei ihm noch nie passiert, sagte er unter wiederholten Entschuldigungen.

Was im Hirn passiert

Medizinisch handelt es sich beim Rausch um eine Störung des Bewusstseins (von wach bis zum Koma), der Verstandesfähigkeiten, der Wahrnehmung (Augen, Ohren, Berührungen) sowie der Reaktionsfähigkeit, des Verhaltens und der motorischen Fähigkeiten.

Beim Tauchen entsteht der Rauschzustand, wenn sich der im Atemgas enthaltene Stickstoff in den Membranen der Nervenzellen ansammelt und deren Schichtung stört. Die Transportporen dieser mikroskopisch feinen Membranen werden in ihrer Funktion beeinträchtigt — der Vorgang ist mit einer Narkose vergleichbar. Die Wirkung ist physikalisch und verschwindet rasch wieder, sobald der Stickstoff-Partialdruck durch einen Aufstieg um wenige Meter reduziert wird.

Im Gegensatz zu einer kontrollierten Narkose ist ein Tiefenrausch in seiner Ausprägung schwer vorhersehbar — und tragischerweise entsteht er im oder unter Wasser, wo durch die eingeschränkte Hirnfunktion eine akute Gefährdung herrscht.

Für die meisten gilt: Tiefenrausch erst ab etwa 30 Metern. Wirklichkeit: Schon in deutlich geringerer Tiefe lässt sich die narkotisierende Wirkung nachweisen. Und wie bei anderen Rauschzuständen ist die Toleranz für die berauschende Substanz von Mensch zu Mensch unterschiedlich — und bei einzelnen Menschen sogar von Tag zu Tag. Wer mit heldenhaft tiefen Pressluft-Tauchgängen prahlt und sich für resistent hält, irrt: Was heute gut geklappt hat, kann morgen fatal enden.

Studie 1 — Tupperware in 50 Metern

Eine südafrikanische Forschergruppe untersuchte, ob Berufstauchende unter Druck und bei schlechter Sicht in ihrer Geschicklichkeit beeinträchtigt sind. Insgesamt 139 Berufstauchende absolvierten in einer Druckkammer einen «Tauchgang» auf 50 Meter Tiefe und mussten dort den sogenannten Tupperware-Test durchführen — formenpassende Objekte (Viereck, Dreieck etc.) in entsprechende Öffnungen platzieren. Wer Kinder hat, kennt das «Spielzeug».

Für 10 Objekte wurde die Zeit gemessen — einmal unter Normaldruck, einmal unter Druck (mit verbundenen Augen für Nullsicht). Das Resultat bestätigt die Erwartung: Die Leistung war unter Druck deutlich schlechter als an der Oberfläche, und zwar bei beiden Gruppen.

Es wurden auch Persönlichkeitsmerkmale erfragt — weder Alter, Geschlecht, Schulbildung noch Taucherfahrung hatten einen Einfluss.

Naturgemäss fehlte beim Druckkammer-Experiment ein wesentliches Element: die Anspannung. Aus früheren Untersuchungen weiss man, dass Angst und Anspannung wichtige Risiko-Merkmale sind. Wer sich auf einen schwierigen Tauchgang einlässt und entsprechend angespannt ist, hat ein höheres Risiko für eine Stickstoffnarkose.

Konsequenz für die Tauchgangsplanung: Auf das Bauchgefühl hören. Zum äusseren Druck kommt der innere Druck dazu — in einer richtigen Tauchumgebung wären die Studientauchenden vermutlich noch schlechter gewesen.

Übung an der Oberfläche

Da unser Gehirn mit zunehmendem Stickstoff-Partialdruck «dümmer» und berauschter wird, sollten wir knifflige manuelle Aufgaben zuerst an der Oberfläche in unproblematischer Umgebung üben. Jede angehende Höhlentaucherin hat wohl schon ihre Wohnung mit Leinen ver- und belegt und ist mit geschwärzter Maske und dicken Handschuhen von der guten Stube der Leine nach in die Küche gegangen — diese Übungen haben ihre Berechtigung. Auch der Umgang mit dem Kompass ist schon an der Oberfläche nicht immer ganz unproblematisch.

Studie 2 — Nitrox als Schutzfaktor

Eine französische Forschergruppe untersuchte 47 Personen nach einem Tauchgang in der Druckkammer mit Ultraschall auf Gasblasen — Standard-Methode in der Deko-Forschung. Die 12 Tauchenden mit den meisten Gasblasen wurden weiter untersucht: Bei einer 55-minütigen Druckkammerfahrt auf 28 m atmeten 7 Personen EAN 36 %, die anderen 5 Pressluft. Nach einem zweiten Ultraschalluntersuch wurde nochmals getaucht — diesmal mit umgekehrter Gas-Zuteilung.

Das Ergebnis ist deutlich: Beim Einsatz von Pressluft kam es in 3 Fällen zu Taucherflöhen. Viel wichtiger: Mit Nitrox traten deutlich weniger Gasbläschen in den Blutgefässen auf.

Wenn Nitrox innerhalb der Tiefen- und Zeitgrenze richtig eingesetzt wird, erhöht es die Sicherheit beim Tauchen.

Wir erinnern uns an die Begriffe EAD und END aus dem Nitrox-Kurs. Und ich würde noch hinzufügen: Wenn beim Tauchen mit Nitrox der Computer auf Luft eingestellt bleibt, gewinnen wir nochmals an Sicherheit.

Was uns hindert

Auch die sogenannt harten Kerle unterliegen den Gesetzen der Physik. Mit dem Tiefenrausch ist es vielleicht ähnlich wie beim Alkoholrausch: Wenn unser Hirn nichts Besonderes tun muss (zum Beispiel nur noch heimwärts torkeln), überleben wir das schon. Aber wehe, unsere Reaktionsfähigkeit wäre in einer solchen Situation gefragt — und erst recht unter Wasser.

Was hindert uns also, vermehrt Nitrox einzusetzen? Weil es nicht so leicht erhältlich ist wie Pressluft? Weil es ein wenig teurer ist? Weil wir es nach dem Füllen der Flasche und vor dem Tauchen nochmals prüfen müssen und dazu ein Messgerät brauchen? Oder weil wir glauben, wir müssten wie heldenhafte Tauchende einen Tiefenrausch wegstecken können?

Originalartikel: NEREUS 5-2018. Text: Dr. med. Beat Staub — Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician EDTC. www.suhms.org

Text: Dr. med. Beat Staub
Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Diving Medicine Physician EDTC

Literaturangaben beim Autor

Bild: Fotolia

Auszug aus NEREUS 5-2018

Seite 11
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